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Heilsames Singen und Yoga: eine Woche danach

Die meisten kamen nach Oberdürenbach, weil sie singen wollten. Yoga schien eine gute Kombination. Ein paar kamen, weil sie dringend einen Tapetenwechsel brauchten.

Aber alle 20 saßen wir gespannt im hellen Gemeinschaftsaal im Haus Königssee in Oberdürenbach, als Robert Sawilla (Logopäde und funktionaler Stimmtherapeut, Singleiter für heilsames Singen) uns begrüßte.

Er machte nicht viele Worte, sagte nur, dass er als Logopäde mit Parkinsonbetroffenen zu tun habe und dass er Singen für eine der besten Therapieformen für unsere Sprachdefizite halte, denn beim Singen schule man die Atmung, trainiere die Lautstärke, mache unbewusst etwas für die Haltung und habe nebenbei noch sehr viel Spaß.

Längerfristig verbessere Singen auch das Selbstbewusstsein, es sei gemeinschaftsstiftend und trage so dazu bei, dass wir unsere Krankheit leichter ertragen können.

Und dann wurde ohne Verzug gesungen. Ohne dass man viel Zeit für eine wortreiche Vorstellungsrunde verwendete, hießen wir einander singend willkommen.
Sei willkommen Julia, wir freuen uns auf dich… So simpel. Und doch berührte es, auf diese Weise begrüßt zu werden. Das Vorstellen ging weiter mit einer Schrittfolge, bei der die Teilnehmer, die gewisse Charakteristika teilten, z. B. alle, die mal in Graz (Roberts Herkunftsort) waren, alle die eine Prothese trugen, etc. sich gegen die Mitte des Kreises bewegten.

Wir waren bereits verzaubert, vom Singen, von einer lockeren, warmen und gefühlsbetonten Stimmung, die uns das ganze Seminar über wohlig begleitete. Robert würde uns in diesen Tagen (Montagnachmittag, Dienstag, Mittwochvormittag) noch 16 weitere Lieder aus den verschiedensten Kulturkreisen beibringen.

Aber bevor wir heiser wurden am ersten halben Tag, gab uns Tonja Eisinger eine Einführung ins Kundalini Yoga. Das war für fast alle Neuland. Viele kannten schon das Hatha Yoga. Tonja erklärte deshalb, was die Besonderheiten der Kundalini Richtung waren, in der sie vor nicht allzu langer Zeit die Ausbildung zur Yoga Lehrerin gemacht hatte.
Sie hob die Bedeutung der Atmung hervor, ein bewusster und dynamischer Atem verbessere die Gesundheit und die Vitalität. So stehe im Zentrum jeder Übung die intensive Atmung.

Sie betonte auch, wie wichtig es war, dass wir einfühlsam mit unserem Körper umgingen, dass wir nicht über die eigenen Grenzen gehen sollten und fügte bei, dass es bei den Übungen kein Gut und Schlecht gebe, dass nicht gewertet werde.

So gelang es ihr, uns neugierig zu machen auf den nächsten Tag, wo uns eine vollständige Kundalini Lektion von 60 min erwartete.

Vor dem Nachtessen gab es dann noch eine weitere Singsequenz mit einem Roma Lied und einem Indischen Dankeslied.

Das Essen im Haus Königssee war wie immer sehr schmackhaft. Das Gekochte war fleischlos lecker, das Frühstück reichlich.

Es wurde noch viel geträllert geredet getanzt und gespielt, bevor wir uns in die einfachen, aber sehr hübschen Zimmer (Einzelzimmer, Zweier- und Dreierzimmer) zurückzogen.


Am nächsten Morgen wurden wir ins Wasser geworfen: Ein neuseeländischer Maori-Boatsong (epo i tai tai eh, siehe die diversen links zu youtube-Quellen) mit den entsprechenden Paddelbewegungen und in zehnköpfiger Bootsformation brachte uns ins Schwitzen.

Aber noch mehr Schweiß wurde uns in der intensiven Kundalini Lektion abverlangt. Tonja hatte als Thema die Wirbelsäule gewählt, weil für uns Rücken- und /oder Nacken- und Schulterschmerzen fast allgegenwärtig sind.
Mit Grazie machte sie uns die intensiven Atem-Rotationsübungen vor. Jeder machte nach seinen Möglichkeiten mit, die einen im Schneidersitz auf Matten, andere auf Stühlen sitzend.
Die Übungen gingen länger als den meisten lieb war und ich musste oft während einer Übung pausieren, um dann für das Ende der Übung wieder dabei zu sein. Abgeschlossen wurde dieser anstrengende Morgen mit Tiefenentspannung. Als ich die Treppe zum Mittagessen hinunterstieg, waren meine Beine bleischwer und ich befürchtete einen happigen Muskelkater. Aber nichts davon verspürte ich am nächsten Morgen, ich fühlte mich fit und gestärkt.

Am Mittwoch wieder im Kreis mit Robert war der bevorstehende Abschied schon mit uns im Saal. Vielleicht deshalb machte Robert mit uns lustige, aber dennoch intensive Atemübungen. Wir stellten uns vor, wir wären Gorillas, die Beeren und Früchte pflückten. Da Gorillas ja nicht sprechen, wurde das Gepflückte mit Ahhhhs und Ohhhs bestaunt, bevor es zum Mund geführt wurde. So übten wir uns spielerisch in intensiver und tiefer Atmung.

Anschließend sangen wir noch die beliebtesten Lieder, die zuvor in einer Abstimmung erkoren worden waren, intensiv das heißt lange und viele Male hintereinander durch. Ganz vorne auf der Hitliste stand der Maori Boatsong, den wir genüsslich mit den dazugehörigen Bewegungen zelebrierten.

Zum Schluss gab es eine Blitzlichtrunde, so nannte Robert die kurzen Wortmeldungen zur momentanen Befindlichkeit. Ein paar sind mir geblieben:

Ich fühle mich aufgehoben, getragen. Ich bin in der Mitte.
Ich bin so froh, dass wir gekommen sind, mein Mann war von Kindsbeinen an überzeugt, dass er nicht singen könne, jetzt merkte er endlich, dass das nicht stimmt.

Ja und dann diese Gemeinschaft der Gruppe, wunderbar!
Ich fühle mich tonnenschwer und federleicht- mein Körper ist schwerfällig, aber mein Gemüt und mein Geist sind federleicht nach diesen Tagen


Ich selber ging gestärkt und beschenkt in meinen manchmal garstigen Alltag mit Parkinson zurück.
Auch eine Woche danach wohnen noch Würmer in meinem Ohr, die immer wieder epo i taitai ehhh zu brummen beginnen und kein Ende finden.

von Seren