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Impulskontrollstörungen

Eine erhebliche Anzahl vom Parkinson-Betroffenen entwickelt Verhaltensweisen, die in der Psychologie Impulskontrollstörungen (IKS) genannt werden.

Damit ist gemeint, dass eine Person einem im Bewusstsein auftauchenden Wunsch, eine bestimmte Handlung auszuführen, nicht widerstehen kann, obwohl es dafür gute Gründe gibt. Häufig kristallisieren sich IKS an bestimmten Objekten wie dem Kaufen oder Spielen, wobei oft von Suchtverhalten zu sprechen ist. Es kann auch sein, dass der Impuls einfach dahin geht, in irgendeiner Form aktiv zu werden. Sehr eindrücklich wird das, wenn Betroffene kaum noch in der Lage sind, eine einmal begonnene Tätigkeit zu beenden und von einer Tätigkeit zur anderen springen, ohne dass das beispielsweise durch eine höhere Priorität oder einen entsprechenden Termin erklärbar wäre.

In eine ähnliche Richtung geht das sogenannte "Punding". Dabei werden bestimmte Tätigkeiten in kurzen Abständen end- und sinnlos wiederholt, wie zum Beispiel Schränke oder Werkzeug aufräumen, oft mit dem Ziel, eine "optimale" Anordnung zu erreichen. Das geschieht häufig auch nachts.

Lässt sich der Beginn der "Hyperaktivität" zeitlich mit einer Veränderung der Medikation in Zusammenhang bringen? Das könnte ein Hinweis in diese Richtung sein. Eine Anpassung der Medikation unter Einbeziehung des Neurologen könnte Aufschluss geben. Es gibt Fälle, bei denen eine Änderung in der Agonisten-Therapie zu spontaner Besserung geführt hat.
Ansonsten kann Verhaltenstherapie helfen.

Bei beiden Formen ist leider oft die Selbstwahrnehmung der Betroffenen dahingehend eingeschränkt, dass sie die Unangemessenheit oder Schädlichkeit dieser Verhaltensweisen nicht erkennen und entsprechen wenig zur Kooperation motiviert sind.

Nach meiner Erfahrung sind die Agonisten die Hauptverantwortlichen für das, was man "reduzierte Impulskontrolle" nennt. Deswegen kommt diese in unseren Kreisen recht häufig vor. Auch ich kann ein Lied davon singen. Es kommt einem selbst vor, als würde das Gehirn ausgeschaltet. Aber es ist nur eine Fehlschaltung an wichtiger Stelle, die natürlich nicht bei jedem vorkommen und auch nicht immer zu Suchtverhalten führen muss. Aber wenn es geschieht, wird der Buchhalter zum Zocker.

Es muss nicht unbedingt das Spielen sein. Es geht auch Kaufen, Sex haben, Essen usw. Bei mir handelte es sich um exzessivste PC-Nutzung bis zur völligen Erschöpfung. Die gute Nachricht ist: Wenn man es erkennt - sich darin erkennt - kann man abhelfen. Die schlechte Nachricht hierzu
wiederum ist, dass Menschen mit reduzierter Impulskontrolle zu mangelnd ausgeprägter bzw. funktionierender Selbstwahrnehmung neigen.

Kommentare

T: Die Spielsucht hat sich bei meinem Mann auch bemerkbar gemacht.
Mir war aufgefallen, dass er plötzlich immer am Rubbeln war.

Da ich bereits gelesen hatte, dass die Medis solche Wirkung haben, habe ich ihn darauf angesprochen. Es wurde ihm erst da bewusst, wie viel er eigentlich in Rubbellose investierte.
Glücklicher Weise gehört mein Mann zu den Menschen, die "Gefahr erkannt-Gefahr gebannt" gleich umsetzen können. Heute kauft er sich jeweils am Montag nach seiner Therapie 1-2 Rubbellose.

Ansonsten kann er den Wunsch nach Gewinnen im gemeinsamen Spielen von Gesellschaftsspielen ausleben. Und da habe ich dann auch noch etwas davon.

S: Ich bin, als ich bei Paol ankam, schon 7 Jahre ans Internet angeschlossen gewesen, und zwar über den damaligen Marktführer, der seinen Mitgliedern ein gigantisches Angebot offerierte, mit allem, was das Netz damals zu bieten hatte.
Kern der Faszination war ein ebenso umfangreiches wie komfortables Chatsystem, von dessen Sogwirkung ich mich geradezu überwältigen ließ. Rückblickend ist mir bewusst, was mir damals auch irgendwie "klar war", dass ich nämlich jahrelang chatsüchtig gewesen bin.
Nur ein paar Stichworte zur Begründung dieser Einschätzung:
Ich kannte keine einsamen Abende mehr, denn wenn ich nach Hause kam, warteten ja die "Freunde" schon auf mich - wenn ich aus irgendwelchen Gründen nicht ins Netz konnte, bekam ich Kopfschmerzen. ich bekam Probleme mit Kollegen, weil sie mich nicht anrufen konnten, verschärfte Geldnot, weil das Internet damals recht teuer war und ich mich auch durch Rechnungen von über 1000 DM im Monat nicht bremsen ließ...und so weiter. Ich habe auch viel Schönes erlebt, tolle Kontakte geknüpft und wertvolle Erfahrungen gemacht. Aber das ändert nichts an der Feststellung, dass ich eindeutig abhängiger Internetgebraucher war.
Heute hänge ich vielleicht gelegentlich länger vor dem Schirm als gut wäre, aber das ist weit von dem Verhalten damals entfernt, und sämtliche o.g. Warnzeichen sind nicht mehr gegeben.
Warum erzähle ich das jetzt und hier alles? Deshalb:
1. Ich weiß, dass man sehenden Auges in so ein süchtiges Verhalten abstürzen kann, weil ich diese "Impulskontrollstörungen" selbst erlebt habe (es fing übrigens an als ich begann, überhaupt Parkinson-Medikamente zu nehmen)
2. Weil ich seitdem Scherze über Suchtverhalten (und auch über Parkinson) nur noch dann so richtig lustig finden kann, wenn der Kontext geklärt ist (etwa in dem Sinne "wir wissen alle, dass parkinson(medi-)begleitende Süchte eine reale und oft quälende Erscheinung sind, aber hier sind wir ja unter uns") - aber weder sind wir hier unter uns, noch gibt es offenbar diesen gemeinsamen Hintergrund, zu dem für mich auch gehört, dass die Betroffenen nicht schuldhaft oder wegen allgemeiner Neigung zur Haltlosigkeit den Weg in die Sucht angetreten haben) und deswegen hat mich dein Satz vom "Nutzen der Paol-Sucht" so geärgert: erst hielt ich ihn für einen flauen Witz (ähnlich wie "Parkis sind die idealen Barmixer"), dann hast du klargemacht, dass du verhindern wolltest, dass Cloudy sich wegen falscher Verdächtigungen wieder vom Forum verabschiedet und deshalb hast du kundgetan, dass daran bestimmt kein Wort wahr sei - hältst du es wirklich für sinnvoll und sympathisch für eine Selbsthilfegruppe, die Ratsuchenden durch Verschweigen oder Schönreden kritischer Punkte bei Laune zu halten?

F: Ich habe Anfang Oktober meine Agonisten abgesetzt. Es dauerte nicht mal eine Woche und auf einmal interessierte mich der Chat nicht mehr so wie früher, ich schaue seitdem ab und an rein, aber nicht mehrfach täglich. Ich schreibe auch nicht mehr jeden Tag irgendwelche Texte, die ich nur zu einem Teil abschicken mochte, sondern nur noch manchmal. Vielleicht schade, aber es tut auch gut, nicht mehr von einem agitierten Antreiber in mir geschüttelt zu werden.
Es hat mich erschrocken zu erleben, wie wenig selbstbestimmend ich war und bin, und es erschrickt mich immer noch. Das Selbst ist nur ein vom Gehirn konstruiertes Modell und scheint mir in einem Maße Autonomie vorzugaukeln, das nicht existiert.

L: Auch ich erinnere mich nur ungern an meine " Sifrolzeiten" zurück. Damals kam ich jede Woche mit mindestens einem Teil aus der Aldisonderangebotspalette nach Hause. Aus dem Chat und aus früheren Threads weiß ich, dass viele unter uns von Agonisten induzierten Impulskontrollstörungen betroffen sind.

S: Grundsätzlich kommt jeder Agonist in Frage, etwas anzustoßen, was man nicht will, zB ein Suchtverhalten. Bei mir war es Cabergolin (für Parkinson heißt es Caberseril) in einem ganz anderen Zusammenhang.

Wegen meiner unruhigen Beine wollte mir ein Neurologe Neupro in kleiner Dosis verordnen, als ich ihm die Reaktion auf das Cabergolin schilderte, nahm er davon Abstand, eben mit der Begründung, das diese Reaktion bei jedem Agonisten auftreten kann. Aber auch hier gilt wieder der alte Grundsatz, jeder Parkinsonverlauf ist anders, bei manchen ist es tatsächlich nur ein Agonist, der diese Probleme auslöst. Andere reagieren auf jeden Agonisten so.

Resümee von Cloudy

Eure Beiträge bringen mich zum Nachdenken. Ich chatte zwar nicht, surfe nicht wie wild in der Gegend herum, interessiere mich auch nicht für irgendwelche Sonderangebote bzw. habe auch sonst kein auffälliges Kaufverhalten, aber mein Durchschnittssatz an Beiträgen pro Tag, lässt mich jetzt tatsächlich aufhorchen.

Wenn ich die Stellungnahme von G. zu diesem Thema richtig interpretiere, (die mich mit ihren Beiträgen weit übertrifft) so findet sie es normal, mehrmals am Tag bei Poal nachzusehen, ob es Neuigkeiten gibt.

Auch V. schreibt, sie schaut jeden Tag seit Jahren bei Paol nach, nicht unbedingt, weil sie süchtig ist, sondern um mitreden zu können, um am Laufenden zu bleiben oder aber weil sie neugierig ist. V. ist allerdings unter einem Beitrag pro Tag.

J. meint, sie schaue ganz schön oft bei PAoL rein und ist deshalb unsicher.

Ich kann nur für mich sprechen und bin zu folgendem Schluss gekommen:
1. als "Neuling" beschäftigt man sich vermutlich mehr mit der Krankheit.
2. es gibt eine Flut an Threads, die man hier nachlesen kann.
3. man befindet sich unter Gleichgesinnte und lernt hier die unterschiedlichsten Menschen und Charaktere kennen.
4. man kann Fragen an erfahrene Paolis stellen.
5. zu den Fragen erhält man Antworten, die einen neuerlichen Einstieg in das Forum notwendig machen. Bei dieser Gelegenheit liest man wieder die "news", antwortet darauf und schon befindet man sich im Paoli-Rädchen und ehe man sich versieht, schreibt man schon gleich einmal zwei, drei Beiträge am Tag.

Ein paar Gedankengänge zur Sucht ja/nein:
- im Verhältnis, was ich aus beruflichen Gründen täglich an emails schreiben und beantworten muss, sind drei Beiträge gar nichts.
- wenn man ein Lokal ausfindig macht, in dem man gut speist, geht man auch öfters hin, ist es deshalb eine Sucht?
- Gewisse CD's hört man sich auch öfters an, hab mir aber noch nie gedacht, ich sei süchtig.
- ich muss zugeben, dass ich es nicht schaffte, ohne bei Paol öfter mal einzuloggen, wenn auch nicht täglich.
- Vielleicht ist es einfach die Poal-Familie, die mich anzieht, die Möglichkeit offen über die Krankheit zu sprechen, denn außer mein engster Familienkreis weiß niemand davon. Ich denke, die Situation wird anders, wenn es einmal offiziell ist.

So, ob das nun Sucht ist oder nicht, belasse ich dem Urteil eines jeden Einzelnen. Im Prinzip hat jeder Recht. Wenn dem so sein sollte, kann ich jedenfalls gut damit leben. Ich wäre glücklich, wenn ich sonst keine Sorgen hätte.

Autor S.