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ON & OFF

Ein Mann steht an der Bushaltestelle. Der Bus kommt, die Tür öffnet sich. Der Fahrer wartet, aber der Mann rührt sich nicht. „Was nun, wollen Sie mit?“ fragt der Fahrer schließlich ungeduldig, schließt endlich die Tür und braust ab. Nun kommt Bewegung in den Mann. Wütend stampft er mit dem Fuß auf, wendet sich um und geht.

Wahrscheinlich hast du gerade einen Parkinsonkranken in seinem Off gesehen. Nicht immer, aber häufig kommt es zu unerklärlichen Blockaden beim Gehen. Da hilft kein Wollen. Die Füße sind wie verwurzelt. Warum das so ist, weiß niemand ganz genau. Einen Teil der Off-Erscheinungen können wir auf den Levodopa-Konsum zurückführen. Aber Offs treten auch unabhängig vom Medikamentengebrauch auf.

Klar abzugrenzen sind Offs von einer akinetischen Krise, bei der der ganze Körper bewegungsunfähig wird. Dieser Zustand ist lebensbedrohlich und tritt glücklicherweise nur selten auf. Ebenso klar unterscheiden sich Offs von einer allgemeinen Verlangsamung der Bewegungsabläufe.

Offs unterscheiden sich deutlich von End-of-Dose-Blockaden und von den Starthemmungen. End-of-Dose-Blockaden treten auf, wenn die Wirkung einer Medikamentendosis nachlässt. Manche Patienten werden dann unbeweglich. Starthemmungen sind sonderbare Erscheinungen, die auftreten, wenn es für den Parkinsonkranken eng wird, zum Beispiel in Menschenmassen oder vor Engpässen wie Türen. Der Parki gerät ins Trippeln und bleibt schließlich stehen. Starthemmungen können in Offs übergehen. Vor langen unstrukturierten Wegen wie etwa Krankenhausflure kann der Betroffene in ein Off geraten. Treppen steigen ist dagegen meist kein Problem. Merkwürdig ist das schon.

Das Gehen ist eine sehr komplexe Bewegung. Verschiedene Sinnessysteme sind daran beteiligt, unser Rhythmusgefühl und die Wahrnehmung von Strukturen, der Tastsinn, vor allem unser Sehsinn, unser Gleichgewichtssinn und der Sinn für die Lage unseres Körpers. Diese verschiedenen Systeme sind verbunden mit der Steuerung unserer bewussten und unbewussten Bewegungen. Die Integration dieser verschiedenen Systeme ist offensichtlich gestört.

Wer unter Offs leidet, will vor allem sich bewegen können und dahin gehen können, wohin er will. Und da gibt es ein paar praktische Erfahrungen und Tricks.

Kinder „gehen“ nie. Sie hüpfen, sie rennen, sie schlendern, sie trotten – mit einem Wort: Sie wechseln ständig die Bewegungsform. In manchen Fällen hilft es, bei einer Blockade nicht zu versuchen zu gehen, sondern zu tänzeln oder gar vorwärts zu tanzen. Überhaupt kann der Rhythmus der Musik das Gehen unterstützen. Es muss nicht unbedingt Marschmusik sein. Jeder findet da seinen eigenen Geschmack.

Bewegungsauslösend kann das Anbieten von Hindernissen sein, die in gewisser Weise das Treppensteigen simulieren. Manchmal hilft es, wenn der Begleiter seinen Fuß vor den blockierten Kranken stellt. Der Kranke im Off hebt fast automatisch seinen Fuß, um das Hindernis zu übersteigen und kann plötzlich wieder gehen. Im Fachhandel gibt es Spazierstöcke, die auf Knopfdruck eine Art Schranke ausklappen, die als ein solches Hindernis wirkt. Wir haben auch ziemlich erfolgreich mit gefüllten Beuteln an Schnüren experimentiert. Der Impuls, gegen den Beutel oder Ball zu treten, löst den ersten Schritt aus.

Reize schaffen! Verschieden gestaltete Untergründe fördern die Gehfähigkeit.

Längere unstrukturierte Flächen können durch Farbpunkte oder durch Muster strukturiert werden. Beim Spaziergang draußen kann sich der Patient im Off Schritt für Schritt neue Ziele aussuchen: ein Steinchen, einen Grasbüschel, eine Stoßkante zweier Pflastersteine…

Helfen kann auch eine medikamentöse Umstellung durch Verringern der einzelnen Dosen und Verkürzen der Abstände zwischen den Einnahmezeiten. In schweren Fällen kann auch die Tiefe Hirnstimulation nutzen.

Allen hier erwähnten Tricks gemeinsam ist, dass sie nur immer für eine begrenzte Zeit und Strecke funktionieren. Aber meist reicht es hin, um die scheinbar unendliche Distanz vom Wohnzimmer zur Toilette zu überwinden. Wenn dies gelingt: Da ist schon viel gewonnen. Vielleicht hätte dem parkinsonkranken Mann an der Bushaltestelle auch ein klares, kurzes „Hopp!“ des Busfahrers als Bewegungsimpuls genügt.

von Rieke

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