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Ausstieg aus dem Beruf

In meinem letzten Jahr, in dem ich durchgehend berufstätig war, bin ich auch oft über die Grenzen meiner Belastbarkeit hinaus gegangen. Nicht selten saß ich dann nach Arbeitsende noch bis zu einer Stunde auf dem Bauteppich (ich arbeitete als Erzieherin im Kindergarten), da ich erst wieder Kräfte sammeln musste, um überhaupt aufstehen zu können und mit dem Fahrrad (Liege-Dreirad) den Weg nachhause zu schaffen.

2006 dann ging fast gar nichts mehr. Immer wieder bin ich für einen oder zwei Tage ausgefallen (nachts nicht geschlafen, morgens nahezu unbeweglich).

Schließlich ging ich zu meinem Hausarzt, um eine längere Krankschreibung zu erwirken. Das war in diesem Moment ein Gefühl des Aufgebens, aber dieser tolle Arzt hat mich mit dem Satz "Ich wundere mich sowieso, wie lange Sie durchgehalten haben." ganz schnell wieder aufgebaut. Noch circa drei Monate bin ich dann mit immer wieder ein- bis zweiwöchigen Krankschreibungen dazwischen arbeiten gegangen, bevor er mich schließlich dauerhaft krankschrieb.

Schließlich meldete sich die Krankenkasse von alleine und verordnete mir eine Reha, auch um abzuklären, ob ich dauerhaft arbeitsunfähig sei und frühverrentet werden müsste.

In der Reha-Klinik ließ ich es im Gespräch mit den Ärzten offen, ob eine Teilverrentung oder eine volle Verrentung für mich das richtige sein könnte, da alle, die die volle Verrentung forderten, eher eine Empfehlung zur Teilverrentung bekamen, und die anderen, so wie ich, die offiziell eine Teilverrentung in Erwägung zogen, die Empfehlung zur vollen Verrentung mit nachhause brachten.

Es steht leider nicht im Vordergrund, wie es dir tatsächlich geht, sondern strategisches Vorgehen ist sehr empfehlenswert, geradezu notwendig. Dazu brauchst du aber auch Ärzte, die deine Angaben über deinen gesundheitlichen Zustand ernst nehmen, die dir glauben. Und nicht nur von dem ausgehen, was sie in ihrer Momentaufnahme von dir wahrnehmen.

Wenn du also einen Neurologen hast, der deinen Gesundheitszustand und deine Belastungsfähigkeit anders einschätzt als du selbst, solltest du dir einen aufgeschlosseneren Arzt suchen, bevor du das Abenteuer der Erwerbsunfähigkeitsverrentung angehst.


Ich fühle auch im Nachhinein keinerlei Scham dafür, dass ich für mein Recht auf ein gutes Leben gekämpft habe und dabei auch "psychologische Tricks" (sagen, ich will Teilverrentung, obwohl ich Vollverrentung anstrebte), Hilfe von außen (ich habe meinen Ärzten mitgeteilt, was wichtig ist zu schreiben) und deutliches Hinweisen auf alle meine Schwierigkeiten in meiner Strategie einbezogen habe.


Ich denke auch nicht, dass ich irgendjemanden, sei es "die Gesellschaft" oder sei es "der einzelne Steuerzahler" ausnutze. Wenn ich wählen dürfte, würde ich das Steuern zahlen wählen und dafür meine Krankheit abgeben.

April 2007 dann habe ich rückwirkend zum Herbst 2006 die unbefristete Erwerbsunfähigkeitsrente erhalten.

Autor W.